Marion  von Thun 
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Leben im Menschenrudel
Erinnerungen eines Hundes
Leben im Menschenrudel - Erinnerungen eines Hundes Marion von Thun: Ich möchte erzählen, wie ein Hund durch Menschenhand seelischen Schaden für den Rest seines Lebens genommen hat. Liebe, unendliche Geduld und Verständnis haben nicht ausgereicht, um die schlechten Erfahrungen vollständig auslöschen zu können. Und das trotz alledem nach einem ganz schweren Start am Ende doch ein glückliches Hundeleben stand - so wie es meine geliebte Hündin Sissi erlebt haben mag.

Lesen Sie hinein: ...So vergingen die Wochen und ich war eine richtig hübsche kleine Hündin geworden. Hat jedenfalls meine Mama gesagt. Den ganzen Tag waren wir mit ihr zusammen. Ich wollte gern mal etwas Neues erleben. Immer sah ich nur die kalten Wände unseres Zwingers. Meine Mama durfte immer mal nach draußen, aber sie durfte uns nicht mitnehmen. Wenn wir versuchten, hinterher zu laufen, wurden die Zweibeiner böse. Der Mann trat manchmal mit dem Fuß nach uns. Das tat ganz schön weh! Da war es besser, wenn wir uns im Körbchen versteckt haben. Das machten wir immer, wenn die tiefe Stimme in der Nähe zu hören war.

Eines Morgens kam die nette Frau wieder. Sie hatte einen großen Korb mit und fing an, meine Geschwister und mich da hineinzusetzen. Oh, das war aufregend! Meine Mama winselte auch schon wieder ganz leise. Wo gehen wir denn heute hin?
Die Frau trug uns hinaus in den Garten. Jetzt sah ich zum ersten Mal, was es außer unserem Zwinger noch gab! Es roch alles ganz wunderbar und es schien ein ganz helles, warmes Licht vom Himmel. Ich konnte mich in weichem Gras herumwälzen und musste auch sofort auf diese schöne Wiese Pipi machen. Es war ja so schön! Ich tobte mal so richtig mit meinen Geschwistern herum, sogar unsere Mama spielte mit. Doch bald wurde ihr unser Gerangel zuviel und sie ermahnte uns.
Plötzlich hörte ich fremde Stimmen. Aber auch die der netten Frau war dabei. Sie sprach mit zwei Männern, die ich noch nie gesehen hatte. Sie sahen komisch aus. Vor allem aber rochen sie nicht gut. Sie hatten kleine Stiele mit Feuer in ihrem Mund – das stank ganz widerlich. Ich versteckte mich bei Mama und hörte zu, was die Menschen sagten.
"Viel wert sind sie ja nicht, sind ja alles Bastarde" sagte der eine Mann. " Wer weiß, ob wir die überhaupt je loskriegen – heute werden nur Rassehunde gesucht. Und die müssen auch noch billig sein!" Die Frau sagte nichts, sie schien traurig zu sein. Da tauchte auch noch der Mann mit der bösen Stimme auf. "Na, nehmt ihr die Viehcher endlich mit? Ich kann sie nicht mehr sehen, außerdem fressen sie mich noch arm. Was zahlt ihr?" "Höchstens 50 Mark für alle zusammen, mehr ist nicht drin." "Ihr seid Verbrecher, aber nehmt sie mit und haut ab, sie gehören euch."

Noch ehe ich nachdenken konnte, was jetzt wieder gemeint sein könnte, wurden meine Geschwister in einen Karton eingepackt! Sie schrien fürchterlich, aber es nützte ihnen nichts. Ich war gleich ein Stück weggelaufen. Doch da kam meine Mama zu mir. Ganz leise hat sie mir noch zugeflüstert, dass ich nur mitgehen soll. Dass nun bald alles viel besser für mich wird. Wenn ich erst bei Menschen bin, die mich sehr lieben, werde ich es wunderschön haben. Menschen können auch sehr nett sein, ich würde es noch lernen. Ich wäre nun schon fast ein großer Hund, und ein großer Hund muss ohne Mama leben. Oh, wie traurig sie dabei war! Ich wollte es nicht, ich wollte bei ihr bleiben! Gerade wollte ich mich an ihr weiches Fell kuscheln, als mich zwei derbe Hände packten und zu den anderen in die Kiste warfen. Ich schrie so laut ich konnte. Aber es war umsonst. Der Deckel der Kiste wurde zugemacht, es war dunkel . Die Kiste wurde abgestellt und eine Tür schlug zu. Danach schaukelte alles um uns herum und mir wurde sehr schlecht. Ich hatte solche Angst und niemand war da, der mir helfen konnte. Aber dann dachte ich an Mamas Worte und ich wartete darauf, dass nun gleich alles viel schöner wird. Völlig erschöpft schlief ich endlich in der Ecke der Kiste ein.

Das Schaukeln hörte irgendwann auf. Die Tür wurde geöffnet und der Deckel der Kiste wieder abgenommen. Ich sah mich um, so gut es ging. Wir waren auf einem großen Platz mit lauter Ständen mit verschiedenen Dingen für Zweibeiner. Auch sehr viele Menschen liefen herum. Sie schauten sich alles an, manchmal nahmen sie auch etwas von den Ständen mit. Sie tauschten dann etwas, z.B. einen Hut gegen ein Stück Papier. Ich verstand das zwar nicht, aber es war aufregend. Die Menschen beachteten uns in der Kiste kaum. Neben uns stand einer der komischen Männer. Jedem Kind, das vorüberging, bot er einen Hund an. "Oh, sind die süß!" riefen die Kinder fast immer. Bald schon kamen Kinder mit ihren Eltern zurück. Dann redeten sie ganz lange darüber, wie viel Arbeit und Dreck diese Hunde machen. Und wer sich denn um das Tier kümmern soll, wer das Futter bezahlt und lauter solche Sachen. Aber die kleinen Zweibeiner konnten sehr gut betteln und drängeln und quengeln! Bald sagte die erste Mutter: "Gut, du darfst dir einen aussuchen." Und schon wurde einer meiner Brüder aus der Kiste genommen. Er wurde auch einfach eingetauscht! Der komische Mann bekam dafür auch Papier! Und dann wurde mein Bruder fortgetragen von diesen fremden Menschen! Ich würde ihn nie wieder sehen – ich bekam vor Angst fast keine Luft mehr.
So saß ich zitternd in der Ecke der Kiste. Von meinen Geschwistern wurde einer nach dem anderen aus der Kiste genommen und weggegeben. Ich dachte nur noch an eines: Ich werde allein bleiben, von allen verlassen. Ich werde vor Einsamkeit sterben.
Lange saß ich so in meiner Ecke. Es schauten noch viele Menschen in die Kiste. Doch wenn sie mich so sahen, ängstlich zitternd in einer Pipi-Pfütze sitzend, schüttelten sie den Kopf und gingen weiter. Sie wollten mich nicht haben. Ach, könnte ich doch bei meiner Mama sein! Sie hat gesagt, ich bin schön. Und klug! Aber die Menschen sehen das wohl nicht so.
Gerade sagte wieder jemand: "Was ist denn das für ein Kümmerling? Den kannst du gleich in die Mulde schmeißen, den kauft eh keiner!" So ging das noch eine ganze Weile.
Es wurde langsam dunkel und kalt. Da tauchte aus der Finsternis ein Mann auf. Er sah scheußlich aus und roch ganz schlecht. Er hatte eine schwarze Jacke an und eine Flasche in der Hand. Daraus trank er immer wieder einen Schluck. Seine Stimme klang seltsam und die Worte konnte ich kaum verstehen. Lange redeten die beiden Männer aufeinander ein. Plötzlich nahm der komische Mann meine Kiste hoch und sagte zu der schwarzen Jacke: "Nimm ihn mit, ich schenke ihn dir. Mach damit, was du willst. Er krepiert sicher sowieso bald - vor Angst!" Dann lachte er und ging einfach weg. Und ich blieb mit der schwarzen Jacke allein zurück. Er zerrte mich aus der Kiste und steckte mich in seine stinkende Jacke. Dann ging er langsam schwankend los. Ich konnte nichts mehr denken, ich wollte nur noch schlafen. Vielleicht würde ja alles gut, wenn ich wieder aufwache. Meine Mama hat es doch gesagt, ich werde liebe Menschen finden. Also warten wir bis morgen, dann wird sicher alles gut...

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